Revolution oder Evolution der Flugsimulation?

Laminar Research und Aerosoft stellen X-Plane 11 vor

Den Markt der PC Flugsimulationen teilen drei Hersteller unter sich auf: Microsoft mit Flightsimulator X (FSX), Lockheed Martin mit Prepar3D (P3D) und Laminar Research schließlich mit X-Plane. P3D und X-Plane sind dabei die einzigen Programme, die noch aktualisiert werden und denen mithin auch die Zukunft der Flugsimulation gehören dürfte. X-Plane setzt dabei schon seit geraumer Zeit auf 64 Bit, Prepar3D soll noch in diesem Jahr auf die breitere Datenautobahn aufgebohrt werden. Wer ein wenig in die Hintergründe aktueller Flugsimulationen eintauchen möchte, dem sei mein Artikel „Totgesagte leben länger: Flugsimulationen im Wandel der Zeit“ empfohlen.

Vergangene Woche nun stellte Laminar Research im Verbund mit Publisher Aerosoft die neueste Ausgabe von X-Plane mit der Versionsnummer 11 vor. Die Erwartungshaltung war hoch, scheint doch momentan eine rechte Umbruchstimmung unter den Flugsimulanten zu herrschen. Viele wollen vom alten FSX wechseln, können sich aber nicht zwischen Prepar3D und X-Plane entscheiden, denn beide bieten systemimmanente Vor- und Nachteile, die wohl überlegt gegeneinander abgewogen werden wollen, gerade wenn man Altlasten in Form vieler, teuer erstandener Add-Ons mit sich rumschleppt. Denn diese sind bei einem Umstieg von FSX (oder Prepar3D) auf X-Plane nicht mehr zu gebrauchen.

In welchen Bereichen schneidet der Herausforderer X-Plane 11 also im Vergleich zu P3D besser ab, wo hat er das Nachsehen? Lohnt sich ein Umstieg von FSX auf X-Plane oder P3D? Unser Testbericht soll versuchen zu klären, für wen sich welcher Simulator besser eignet. Denn einen für alle – so viel sei vorweggenommen – gibt es leider nach wie vor nicht.

In einem ersten Teil werden wir den Simulator in seiner Grundausstattung betrachten, die Grafikfähigkeiten, das Nutzerinterface und die Performance beurteilen und werden prüfen, wie sich X-Plane als Simulator für den Sichtflug (VFR) schlägt. In einem zweiten Teil werden wir uns die großen Airliner anschauen und wie es um das Ökosystem von X-Plane bestellt ist, also Add-Ons, die für den Betrieb im Instrumentenflug im Liniendienst großer Fluggesellschaften nötig sind.

Durchdachte Installation
Die intelligente Szenerieauswahl beschleunigt die Installation und spart wertvollen Festplattenspeicher

Beim Kauf von X-Plane hat der potentielle Flugsimulant die Wahl zwischen der Box-Version, also dem guten, alten Karton mit einem Stapel DVDs, oder, für diejenigen, die es umweltfreundlicher und platzsparender mögen, dem digitalen Download.

Letzterer kann sich etwas hinziehen, denn die Komplettinstallation beläuft sich auf ca. 60 Gigabyte. Zum Glück bietet der Installer aber die Möglichkeit, nur die Regionen zu laden und zu installieren, die man auch wirklich benötigt. Hakelt man dagegen alle Regionen an, benötigt der Installer um die sieben Stunden für den Download.

 

 Benutzeroberfläche – alles neu macht X-Plane 11

Hat man den neuen Simulator einmal auf der Platte und startet ihn das erste Mal, erwartet zumindest die Nutzer der Vorgängerversion die erste optische Revolution. Die neue Oberfläche hat mit der alten überhaupt nichts mehr gemeinsam. Zum Glück, werden sicher viele sofort ausrufen, denn das alte User-Interface war schlicht ein Graus, brach es doch so ziemlich mit jeder Bedienkonvention gängiger Windowsprogramme.

Jetzt sind alle wichtigen Menüpunkte in Tabs angeordnet, schnell findet man also den passenden Eintrag. Auch die eigentlichen Fenster mit allen Einstellungen sind recht übersichtlich und nicht zu vollgepackt. Ein besonderes Lob verdient die Erkennung und Kalibrierung der angeschlossenen Eingabegeräte. Zumindest in meinem Fall erkannte X-Plane ohne Murren Joystick, Gashebel-Quadranten und Ruderpedale auf Anhieb und belegte auch alle wichtigen Knöpfe und Achsen gleich mit den korrekten Funktionen. Eine absolute Wohltat im Vergleich zu den fummeligen Einstellorgien, die oft in FSX oder P3D nötig sind, zumindest dann, wenn es funktionieren soll.

Geht leicht von der Hand dank intuitiver Benutzeroberfläche und schneller Erkennung der Gerätehardware: Joystick, Ruderpedal und Throttle Quadrant Einstellungen.

Ein wenig zu übersichtlich sind allerdings die Grafikoptionen geraten, denn deren Einstellmöglichkeiten sind arg spartanisch ausgefallen. Die Schieberegler beschränken sich auf Visuelle Effekte, Texturauflösung, Kantenglättung, Objektdichte und Reflektionen. Dazu noch je ein Häkchen für Bodenschatten und geparkte Flugzeuge. Das war’s. Nichts gegen Übersichtlichkeit, aber hier wünscht man sich mehr Möglichkeiten für die Feinabstimmung. Gerade was die Bodenschatten angeht, wäre z.B. eine Auswahl hilfreich, die es erlaubt, die Schatten auf Gebäude oder Vegetation zu beschränken wie das Prepar3D tut. Das gleiche gilt für den Schieberegler für die Objektdichte. Hier erhöht X-Plane global die Zahl der Objekte, egal ob Verkehr, Gebäude, Vegetation oder Straßen. Die Dichte des Verkehrs schlägt aber wesentlich stärker auf die Prozessorperformance durch während z.B. eine erhöhte Vegetationsdichte inklusive derer Schatten sofort auf die Leistung der Grafikkarte drückt. Aber nicht in jedem System sind Grafikkarte und Prozessor gleich stark, so dass man gern die Wahl hätte.

Es gibt aber auch gute Nachrichten: Aufgrund der wenigen Einstellmöglichkeiten ist man mit sämtlichen nötigen Anpassungen auch sehr schnell fertig und kann sich aufs Wesentliche konzentrieren: das Fliegen. Glücklicherweise liefert X-Plane dafür eine erquickliche Zahl qualitativ recht hochwertiger Standardfluggeräte mit. Unter anderem eine Boeing 737 und 747, eine Cessna Skyhawk 172 sowie eine Reihe Hubschrauber und sogar ein Space-Shuttle. Ja, mit X-Plane kann man im Unterschied zu P3D oder FSX auch ins All fliegen. Zwar reichen die mitgelieferten Standardflieger nicht an die Komplexität vieler hochwertiger Zusatzflugzeuge heran, aber sind im Vergleich zu FSX ein großer Schritt nach vorn. Prepar3D liefert ähnlich gute Standardflieger mit, zumindest im General Aviation Bereich.

Gut gelungen ist auch das Auswahlmenü für Flugplatz, Wetter sowie Tages- und Jahreszeit. Hier kann sich P3D eine große Scheibe abschneiden. Gerade die Wahl der Parkposition ist außerordentlich gut gelungen: Auf einer schematischen Darstellung des jeweiligen Flughafens sieht man jede mögliche Parkposition inklusive ihrer Bezeichnungen. Mit einem Klick ist dann das Flugzeug auf der Wunschposition geparkt. Einfacher geht’s wirklich nicht.

Auswahl der Parkposition leicht gemacht: übersichtlicher geht’s kaum.
Realismus pur: Sloped Runways und prachtvolle Landschaftsgestaltung
Hier haben sich die Entwickler auch auf dem Apron richtig Mühe gegeben. Auf einem Standardflughafen in FSX oder Prepar3D würde man vergeblich nach herumstehenden Frachtcontainern oder gar Luftschläuchen für die externe Frischluftzufuhr am Gate suchen.

Ist man dann auf dem Flugplatz seiner Wahl angekommen, gibt es die nächste angenehme Überraschung. X-Plane bietet Start- und Landebahnen mit einem Höhenprofil. Nicht auf jedem Flughafen fällt so etwas auf, La Palma ist allerdings ein Paradebeispiel dafür. Denn die Landung auf diesem Airport stellt wegen der abschüssigen Landebahn eine kleine Herausforderung dar. P3D und FSX hingegen kennen diese „sloped runways“ nicht. Hier sind alle Landebahnen platt.

Einmal in der Luft eröffnet sich dann die ganze Pracht von X-Plane 11. Auch wenn wir für unseren ersten Testflug nur eine kurze Strecke ausgesucht haben – von Innsbruck nach München – zeigt sich in den Alpen die ganze Überlegenheit der Standard-Landschaftsgestaltung von X-Plane gegenüber P3D und erst recht FSX. Selbst mit teurer Zusatzsoftware wie z.B. FTX Global Base, Vector oder openLC kommen weder P3D noch FSX an den Realitätsgrad von X-Plane in der Grundausstattung heran. Hier merkt man, dass X-Plane aus dem Vollen seiner 64-Bit-Architektur schöpfen kann, denn Speichermangel ist hier kein Thema. Im Gegensatz zu P3D oder FSX, wo bei 3,5 Gigabyte Schluss ist, kann X-Plane ein Vielfaches an Speicher verwalten, in den dann jede Menge mehr hochaufgelöste Alpenpanoramen passen. Beim Flug durch die Alpen genehmigt sich X-Plane – wie gesagt ohne Zusatzflieger oder Zusatzflughafen – reichlich 6 Gigabyte.

Alpenpanorama für X-Plane Genießer beim Abflug aus Innsbruck (Standardszenerie mit HD Mesh Scenery v3).

Der Flug mit der kleinen Cessna fühlt sich unheimlich real an. Das neue Autogen (vom Computer generierte Objekte) wie Häuser, Vegetation und Verkehr sehen verblüffend echt aus. Ein Manko älterer X-Plane Versionen war, dass das Autogen sehr amerikanisch geprägt war. Die neuen Häuser und Bäume hingegen sehen authentisch europäisch aus. Nur bei den Zügen hat X-Plane noch Nachholbedarf. Da sind offenbar ein paar amerikanische Loks im Programmcode vergessen worden.

Auch wenn X-Plane 11 „out-of-the-box“ schon hervorragend aussieht, gibt es dennoch eine Zusatzsoftware, die in keiner X-Plane Installation fehlen sollte: HD Mesh Scenery v3. Dieses kostenlose Höhengittermodell verfeinert noch einmal spürbar das Terrain. Naturgemäß wirkt sich das am ehesten im Gebirge aus. Hier vermeidet es ungebührliche Spitzen und harte Kanten an Gebirgshängen, die das Realitätsgefühl merklich trüben können.

Deutlich besser in der Grundausstattung von X-Plane sind auch die Standardflughäfen im Vergleich zu P3D und FSX. Natürlich sind auch die X-Plane Varianten nicht immer auf dem aktuellsten Stand und für das Fliegen auf Online-Netzwerken wie IVAO oder VATSIM nur bedingt geeignet, da weder Parkpositionen noch Rollwege hundertprozentig korrekt platziert sind. Aber sie sehen wesentlich authentischer aus als ihre Konkurrenzprodukte aus den Häusern Lockheed Martin und Microsoft.

Ein ausgesprochen gut gelungener Standardflughafen in X-Plane 11: Dresden Klotzsche (ICAO Code: EDDC). Das kommt der Realtität schon sehr nah. Sitzt wohl einer der X-Plane Designer in Dresden? Nicht jede Standardszenerie kommt an diese Qualität heran.

 

Lob verdient auch die Performance. Trotz der üppigen Grafikpracht bei recht hohen Einstellungen ist X-Plane 11 zumindest mit einem Standardflugzeug wie der Cessna auf einem halbwegs aktuellen PC (siehe Hardware Konfiguration am Ende des Artikels) flüssig fliegbar. Es bleibt abzuwarten wie sich die Performance bei anspruchsvollen Flugzeugsimulationen wie der Flight Factor Boeing 757 und hochwertigen Zusatzflughäfen entwickelt. Dazu gibt es dann mehr im nächsten Teil meines Testberichts zu erfahren.

Erstes Fazit

Nach unserem ersten Ausflug in X-Plane mit einem Standardflugzeug und unter Sichtflugbedingungen lässt sich feststellen, dass Laminar Research und Aerosoft mit X-Plane 11 die Messlatte deutlich nach oben bewegt haben, über die nun zumindest noch Lockheed Martin Prepar3D in 64 Bit springen muss. Optik, Performance und Benutzeroberfläche verdienen höchstes Lob. Abstriche müssen bei der Feinabstimmung der Grafikeinstellungen gemacht werden. Ob sich X-Plane 11 mit hochwertigen Airlinern, Add-On Airports und im Instrumentenflug immer noch gegen die Konkurrenz bewährt, lest ihr im nächsten Teil unseres Testberichts, der in den kommenden Tagen erscheint. Dann werden wir auch abschließend klären, ob für FSX-Piloten ein Umstieg auf X-Plane oder doch eher auf P3D ratsam ist.

Update 18.4.2017: Mittlerweile habe ich mir X-Plane 11 auch im Rahmen eines Youtube-Livestreams angesehen. Falls ihr mögt, schaut einfach mal rein:

X-Plane 11 ist erhältlich im Aerosoft Online Shop:

Box-Version: 69,99€
Digitaler Download: 69,95€
Update von X-Plane 10 auf X-Plane 11: 46,69€

X-Plane ist erhältlich für Windows, macOS sowie Linux.

(Die Aerosoft Edition enthält zusätzlich drei Flugplätze: Lugano, Toulouse und Weeze).

 

Weitere Add-Ons für X-Plane: x-plane.org

Hier gibt es wirklich alles was das X-Planer Herz begehrt. Von Freeware Downloads bis zu hochwertiger Payware und guten Ratschlägen im Forum.

 

Verwendete PC Hardware:

CPU: Intel Core i7 4790k 4,6 GHz
Grafikkarte: AMD Radeon R9 Fury X
Mainboard: Asus Maximus VII Hero
Arbeitsspeicher: 16GB RAM @ 2200MHz
Betriebssystem: Windows 10
Monitor / Auflösung: 4k Monitor ASUS PB287Q
Joystick: Thrustmaster HOTAS Warthog
Ruderpedale: Saitek Pro Flight

 

7 Replies to “Im Test: Laminar Research X-Plane 11 – Teil 1”

  1. Eine tolle und ausgewogene Review, die meinen Eindruck von XP11 genau beschreibt.

    Ein Tip noch für „Tüftler“: Die Graphikeinstellungen kann man noch individueller durch Bearbeiten der „settings.txt“ Datei im „Resources“ Folder bearbeiten – vorher aber eine Sicherheitskopie machen! Viel Spass, Jan

  2. Der neue X-Plane besticht durch seine grafischen Finessen, gar keine Frage. Und auch die Flugdynamik ist nach allem was man so lesen und hören kann, ebenfalls bestechend. Und wäre ich unschlüssig, ob P3D oder X-Plane 11, dann hätte mir dein ausführlicher Bericht bei der Entscheidung sehr weiter geholfen: die Wahl wäre nach allem was man so mitbekommt und von den Bildern und Videos her die es im Netz gibt, eindeutig auf X-Plane 11 gefallen.

    Danke für deinen wertvollen Beitrag!

    1. Vielen Dank Christian. Die Entscheidung ist keine leichte, und ich mach mir auch im Endfazit, das dann mit dem zweiten Teil erscheinen wird, das Leben nicht gerade leicht, soviel sei verraten :). Den perfekten Simulator muss noch jemand entwickeln, aber wenn man die jeweiligen Vor- und Nachteile kennt, kann man zumindest eine fundierte Kaufentscheidung treffen :).

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